ES

Electronic Surgery oder Elektronische Schweinerei?


ES - wer jetzt an das gleichnamige Buch von Stephen King denkt, irrt sich leider. Es geht nicht um spannende Unterhaltung, sondern um ein recht umstrittenes Genre in der Devotee-Welt.
Daß die Mehrzahl der männlichen Amelotatisten Bilder amputierter Frauen (oder Männer) sammeln, ist ein Faktum, über das man sich trefflich streiten kann, das aber nicht zu leugnen ist. Sicher gibt es mannigfache Erklärungen dafür, wobei sicher als zentrales Motiv der Umstand eine Rolle spielt, daß im wahren Leben so wenig sichtbar Amputierte anzutreffen sind.
Während es sich beim reinen Sammeln meist noch um reale Bilder handelt, so geht es bei der Electronic Surgery darum, die Zahl der Bilder durch "künstlerische" Manipulationen an Realbildern (von Nichtamputierten) zu vermehren.

 

Steinzeit-ES

In der Steinzeit des Amelotatismus gab es ersteinmal Papier und Stift, d.h. es wurden Wunschbilder gemalt und gezeichnet, ergo Originale hergestellt. Daneben gab es Schere und Klebstoff: aus Modekatalogen und Zeitschriften sowie Porno-Magazinen schnitten männliche Amelotatisten Bilder von (nichtbehinderten) Frauen heraus und - schnippschnapp - wurden die Arme oder Beine "amputiert".
Warum? Nun, Männer schauen sich offenbar gerne Bilder von schönen Frauen an und es gab nun mal wenig Bilder von amputierten Frauen, so daß man sich sein Anschauungsmaterial selber erstellte.

 

HiTec-ES

Dann kam das Computerzeitalter und damit die Revolution: mit Instrumenten wie Photoshop und dergleichen wurde es relativ einfach, Bilder zu manipulieren. Mit dem Internet wurde es dann auch leicht, solche zu publizieren. Aus dem Privatvergnügen wurde ein Medium.
Nun erhöhte das Internet aber auch die Verfügbarkeit realer Fotos (ungeachtet rechtlicher Aspekte) und es kam zu einer Frontenbildung. Auf der einen Seite findet man jene, die ES ablehnen und sich von gefälschten Bildern betrogen sehen, weil es sich nicht um real existierende Personen handelt, auf der anderen Seite stehen jene, die meinen, es gäbe nicht soviele attraktive (und nackt posierende) Amputierte, so daß man dem Notstand elektronisch abhelfen müsse

 

Was gefälscht wird

In der Tat sind Nacktfotos von amputierten Frauen aus verständlichen Gründen selten, deshalb sind mit hoher Wahrscheinlichkeit über 95% der im Internet kursierenden diesbezüglichen Nacktfotos Fälschungen. Es fällt auch deutlich auf, daß die Mehrzahl der ES nackte oder leicht bekleidete junge Frauen darstellt. Hier dominiert das konventionelle Schönheitsideal der Herrenmagazine, leicht abgewandelt durch künstliche Amputationen.
Auch vor Promis machen die Produzenten von ES keinen Halt, ob es sich nun um die einarmige Claudia Schiffer handelt oder um eine einbeinige Prinzessin Diana. Hier kann man aber leicht erkennen, daß es Fälschungen sind, bei anonymen Personen ist das teilweise schwerer.

Die auf diese Weise erstellten Pseudo-Amputationen sind vielfältig und werden oft vom Originalfoto bestimmt, da nicht jede Manipulation ohne zu großen Aufwand zu realisieren ist. Vor allem die in der Realität selteneren Amputationsformen werden häufig produziert: doppelseitige Armamputationen und sogar völlige Gliedmaßenlosigkeit findet man vor, daneben natürlich auch die recht beliebte einseitige Oberschenkelamputation, meist recht leicht zu fälschen, aber auch einseitige Armamputationen sind häufiger als ES zu sehen denn als Realfotos.

 

Täuschung

Somit könnte man vieles, was da produziert wird aus Mangel an realen Objekten verstehen, aber das allein scheint mir keine ausreichende Erklärung zu sein, denn etliche Produzenten von ES versuchen, ihre Werke als real auszugeben und so finden diese sich denn auch auf den FTP-Sites neben echten Fotos wieder.
Man könnte an einen Wettbewerb glauben nach dem Motto "Wer macht die überzeugendsten Fälschungen" oder "Wer legt mehr Leute rein". Es gibt Bilder, die seit Jahren immer wieder als "echt" gehandelt werden, obwohl sie längst als Fälschungen überführt sind. Das "prominenteste" Beispiel ist das Bild einer nackten Blondine ohne Arme und Beine, meist als "limbless.jpg" betitelt. Wie viele Amelotatisten sind schon mit diesem Bild gefoppt worden und haben sich nach einer Person gesehnt, die in dieser Form nie existiert hat.

Das ist ja auch einer der Kritikpunkte an ES: sie gaukelt dem unkritischen Betrachter eine Person vor, die es nicht gibt. Das ist der Unterschied zur Kunst, die nicht vorgibt, Realität zu sein. Wenn das gefälschte Bild als Fälschung deklariert würde, dann fiele zumindest dieser Aspekt der Täuschung weg, aber auf den kommt es anscheinend den meisten ES-Erzeugern an, und das ist sozusagen die erste elektronische Schweinerei dabei.

Die zweite Schweinerei findet man bei den Erzeugnissen pornografischerer Art, und besonders dann, wenn Sprechblasen oder Texte hinzugefügt werden, die bisweilen zur Obszönität tendieren. Solches findet man aber auch bei gezeichneten Werken, die nicht selten sado-masochistische Fantasien repräsentieren.

Was treibt jemanden dazu, ES zu produzieren und für real auszugeben? Ist es übersteigertes Geltungsbedürfnis oder will jemand Schöpfer spielen? Auf jeden Fall ist es mehr, als einen vermeintlichen Notstand zu beseitigen.

 

Wie erkennt man ES?

Diese Frage ist immer schwieriger zu benatworten. Schlecht gemachte ES erkennt man recht schnell an unsauberen Pixelrändern oder verwischten Flächen, aber technisch gute ES kann heutzutage leicht als echt durchgehen.

Früher war es u.a.ein Indiz für ES, wenn nur ein Foto der betreffenden Person existierte, heute können geschickte Computergrafiker ganze Serien von Fälschungen produzieren, die letztlich nur hundertprozentig durch das Auffinden der Originalvorlagen zu widerlegen sind. Selbst Amputationsnarben werden bisweilen sehr überzeugend gefälscht, ja sogar hochgebundene Hosenbeine können künstlich generiert werden.

Oft reicht aber der "gesunde Menschenverstand" aus, um unrealistische Motive oder Situationen wahrzunehmen und so Verdacht zu schöpfen. Je mehr ein Foto z.B. den professionellen Illustriertenfotos ähnelt, desto geringer ist seine Wahrscheinlichkeit, was aber nicht immer unbedingt der letzte Beweis sein kann. Oft ist aber schon die Körperhaltung ausschlaggebend, Einbeinige können nun mal nicht so stehen wie Zweibeinige, der Körper muß ausbalanciert sein, auch deutet das Fehlen von spezifischen Hilfsmitteln (Krücken, Rolli etc.) oft auf die Fälschung hin - außer wenn diese auch auf das Bild kopiert worden sind, was aber meist an der falschen Perspektive oder fehlenden Schatten sichtbar wird.
Wichtig ist auch, daß die abgebildete Situation realistisch ist, man sich also die Location und das Modell so vorstellen kann. Eine einbeinige Frau wird wohl kaum auf offener Straße ohne Prothese oder Krücken hüpfen, das ist allenfalls zuhause oder auf dem Sportplatz vorstellbar, auch wird eine Kellnerin mir Armprothesen so selten sein wie ein Haifisch in der Wüste...

Ganz gemein sind dann aber die ES-Exponate, die Bilder real amputierter Personen zur Basis haben, die sind oft wirklich nur durch den direkten Vergleich zu entlarven. Häufig wird der Kopf der Person ausgetauscht, z.B. weil das Original nicht schön genug zu sein scheint oder zu alt oder zu jung, oder einfach um die Bildervielfalt zu vermehren. Andere Manipulationen vermehren die bestehenden Amputationen durch Spiegelung, so kann man z.B. Rose Petra (LAK) auch auf wenigen Bildern ganz ohne Beine sehen. Seitenverkehrte Darstellungen sollte man hingegen nicht als ES betrachten, diese kommen meist durch Fehler beim Scannen von Diapositiven zustande oder auf ähnliche unbeabsichtigte Weise.

Ein weiterer Bereich der Fälschungen hat sich kürzlich erst etabliert und seine Illusion besteht darin, daß fingierte Zeitschriftenausschnitte simuliert werden. Dabei ist jedoch i.d.R. der Text so hanebüchen, daß die Fälschung schnell erkannt wird. Beispiel: Angeblich sollen in einer Stadt mehreren amputierten Frauen die Krücken von einem Unbekannten auf offener Straße gestohlen worden sein, so daß sie nach Hause hüpfen müßten...
Recht überzeugend wirken aber auch Fotos, die durch ihre schlechte Bildqualität Zeitungsbilder u.ä. simulieren und damit Unreinheiten der Manipulation verdecken und gleichzeitig authentischer wirken wollen.

G.

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